#29693
Armagan
Anahtar yönetici

4. Die Erkennbarkeit Gottes
A. Dieser Punkt wird stark philosophisch geprägt sein, aber ich wäre dankbar für Ihre Geduld hierbei, weil sich daraus tiefe praktische Auswirkungen ergeben. Trotz aller Namen Gottes im Koran begegnen wir im Islam einem Gott, der im Grunde unerkennbar ist. Diese Namen sagen uns nichts darüber, wer Gott ist, sondern nur, wie Gott handeln wollte und will. Gottes Handlungen spiegeln nicht Gottes Wesen wider.
Al-Ghazali, der bekannteste Theologe in der Geschichte des Islam, ging so weit zu sagen:

„Das Endergebnis des Wissens der ‘arifin’ ist ihre Unfähigkeit, Ihn zu erkennen, und ihre Erkenntnis ist in Wahrheit, dass sie Ihn nicht kennen und dass es absolut unmöglich für sie ist, Ihn zu erkennen.“ [14]

Fadlou Shehadi, ein zeitgenössischer Kenner Al-Ghazalis, hat die Argumente Al-Ghazalis zur Transzendenz Gottes analysiert und kommt zu dem Schluss:

„Aus all dem Vorhergehenden muss eine wichtige Folgerung gezogen werden:
Gott ist gänzlich unerkennbar.
Wenn Gott ein einzigartiges Wesen ist, in jeder Hinsicht unterschieden von jedem anderen Wesen, genauer gesagt: unterschieden von allem, was dem Menschen bekannt ist, müsste nach Ghazalis eigenen Grundsätzen daraus folgen, dass Gott ganz und gar unerkennbar ist. Denn nach Ghazali werden die Dinge erkannt an ihren Ähnlichkeiten, und was dem, was der Mensch kennt, total unähnlich ist, kann nicht erkannt werden. Außerdem müsste Gott unerkennbar sein, völlig unerkennbar, nicht nur für den Mann auf der Straße, sondern auch für die Propheten und Mystiker. Das ist eine Schlussfolgerung, die Ghazali sehr deutlich und nicht nur vereinzelt zieht. Es ist auch eine Auffassung, die oft vorgetrageh wird, unabhängig von ihrem logischen Zusammenhang mit Gottes absoluter Einzigartigkeit.“[15]

Ein anderer zeitgenössischer Islamgelehrter, Isma’il al-Faruqi, drückt die Hauptrichtung im islamischen Denken zur Unfähigkeit der Menschen, Gott zu erkennen, in dieser Stellungnahme aus:

“Er [Gott] offenbart sich niemandem in irgendeiner Weise. Gott offenbart nur seinen Willen. Erinnern Sie sich daran, dass einer der Propheten Gott bat, sich zu offenbaren, und dass Gott ihm sagte: „Nein, es ist mir nicht möglich, mich irgend jemand zu offenbaren.“ … Das ist Gottes Wille, und das ist alles, was wir haben, und wir haben es in Vollkommenheit im Koran. Aber der Islam setzt den Koran nicht mit dem Wesen Gottes gleich. Er ist das Wort Gottes, das Gebot Gottes, der Wille Gottes. Aber Gott offenbart sich keinem. Die Christen reden von der Offenbarung Gottes – von Gott über Gott -, aber das ist der große Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam. Gott ist transzendent, und sobald man von Selbstoffenbarung spricht, hat man Hierophantie und Immanenz, und damit wird die Transzendenz Gottes beeinträchtigt. Man kann nicht völlige Transzendenz und Selbstoffenbarung zugleich haben.” [16]

Noch einmal Shabbir Akhtar:

Der Koran macht im Unterschied zum Evangelium keine Aussagen über das Wesen Allahs. „Allah ist weise“ oder „Allah ist liebevoll“ mögen in gewisser Weise eine offenbarte Information sein, aber im Gegensatz zum Christentum werden Muslime nicht dazu verleitet, die Behauptungen „Allah ist Liebe“ oder „Allah ist Weisheit“ aufzustellen. Über die Gottheit werden nur adjektivische Beschreibungen gemacht und diese erfolgen nur, soweit sie sich auf die Offenbarung des Willens Gottes für die Menschen beziehen. Der Rest bleibt ein Geheimnis. [17]

Kenneth Cragg:

“[all die Attribute] sollten letztlich als Kennzeichen des göttlichen Willens und nicht als Gesetze des Wesens Gottes verstanden werden. Dass sich eine Handlung aus solchen Beschreibungen ergibt, kann erwartet werden, aber nicht als eine Notwendigkeit. Alles Vorgehen Gottes erhält seine Einheitlichkeit dadurch, dass Gott es jeweils will. Er als der Wollende kann von Zeit zu Zeit durch die gegebenen Beschreibungen erkannt werden. Aber Gott stimmt im Grunde mit keiner überein. Die Tat des göttlichen Willens kann in dieser oder jener Eigenschaft identifiziert werden; der Wille selbst ist unergründlich. Man kann deshalb nicht sagen, dass Gott notwendigerweise in jeder Beziehung liebevoll, heilig, gerecht, nachsichtig oder barmherzig ist.
Diese Tatsache erklärt auch die Antithese in manchen der Namen. Diese Antithese könnte theologisch nicht ausgesagt werden, wenn eines der beiden Elemente darin untrennbar zu Gottes Wesen gehörte. Weil das nicht so ist, kann Gottes Handeln jedes Element in unterschiedlichen Bezügen zeigen. Die Antithese löst sich dogmatisch auf im Bereich des Willens, indem Gott beide will – in jedem anderen Sinn und und Bereich bleibt die Antithese bestehen. So ist Gott der, „der in die Irre führt“ wie auch der, „der recht führt“. Gott ist der, „der Schaden anrichtet“, wie es auch Satan tut. Gott wird auch beschrieben mit Ausdrücken wie „der zu Fall bringt“, „der Erzwinger“ oder „Tyrann“, „der Hochmütige“ – alles Ausdrücke, die, wenn man sie auf Menschen bezieht, eine sehr negative Bedeutung haben. In der Einheit des einzelnen Willensaktes koexistieren diese Charakterisierungen jedoch mit denen, die sich auf Gnade, Barmherzigkeit und Herrlichkeit beziehen.“ [18]

B. Der Schwerpunkt der Bibel liegt darauf, dass Gott sich offenbart hat und dass es unsere höchste Berufung ist, Gott zu erkennen und in inniger Beziehung mit ihm zu stehen. Das belegen z. B. die folgenden Bibelstellen:

So spricht der HERR:
„Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn solches gefällt mir“, spricht der Herr. (Jeremia 9,22-23)
Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will (Matthäus 11,27).
Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt (Johannes 1,18).
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen (Johannes 17,3).
Denn Gott, der sprach: „Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten“, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi (2. Korinther 4,6).

Gott ist so, wie Gott gehandelt hat! Im christlichen Glauben stellen die Taten Gottes in der Heilsgeschichte die Grundlage für die christliche Lehre von der Dreieinigkeit dar. Gott hat sich in der Heilsgeschichte offenbart, indem er sich uns zeigte als unser Schöpfer, unser Erlöser und als der, der uns heiligt. Wir sehen einen Gott, der nicht nur über uns ist als unser himmlischer Vater, sondern bei uns in Christus (Immanuel) und in uns durch den Heiligen Geist.

5. Die Heiligkeit Gottes
A. Obwohl Muslime oft den Eindruck vermitteln, dass der Islam ein erhabeneres Bild von Gottes Vergebung abgibt, weil Gott einfach vergibt, wenn die Menschen ihre Sünden bereuen, und keine blutigen Opfer braucht, die die Sünden der Menschen sühnen sollen, geht der Koran nicht einig mit dem Nachdruck, den die Bibel auf die Heiligkeit Gottes und seine Forderung von Opfern legt.
B. Als Christ finde ich es unglaublich, dass das Adjektiv „heilig“ (quddus) nur zweimal in bezug auf Gott im Koran gebraucht wird. Ich empfehle die Lektüre des dritten Mosebuches als dem Herzstück der Thora. Dies ist die Grundlage für das christliche Verständnis der Sühne. Guthrie erklärt die Notwendigkeit der Sühne so:

Teure Liebe
Wenn Gott uns doch liebt und uns vergibt, warum überhaupt Sühne? Warum mußte Jesus sterben, um uns mit Gott zu versöhnen? Warum hat Gott nicht einfach gesagt: „Ich vergebe euch“ und ließ es dabei bewenden?
Wir können eine Ahnung der Antwort darauf bekommen durch eine Analogie in menschlichen Beziehungen. Nehmen Sie an, dass ich etwas getan habe, womit ich eine Freundschaft aufs Spiel setzte und eine Freundin verletzte. Und nehmen Sie an, dass ich zu ihr gehe, um ihr zu sagen, wie leid es mir tut und wie sehr ich wünschte, mein verkehrtes Verhalten rückgängig machen zu können, und sie sagt zu mir: „Das ist doch alles in Ordnung. Es macht gar nichts aus. Vergiss es!“. Hat sie mir vergeben? Was sie in Wirklichkeit gesagt hat, ist doch: „Du bedeutest mir nicht so viel, daß ich mich über irgend etwas, was du sagst oder tust, ärgern würde. So wichtig bist du nicht für mich.“ Sie lässt mich auch allein mit meinen Gewissensqualen und weigert sich, mir zu helfen, damit fertigzuwerden, sie unter die Füße zu bekommen und einen Neuanfang mit ihr zu machen.
Gutmütige Nachsicht und oberflächliche Annahme sind nicht Vergebung und Liebe, sondern ein Ausdruck von Gleichgültigkeit und manchmal von Feindschaft. Wirkliche Liebe und Vergebung bedeuten, dass mir der andere so sehr am Herzen liegt, dass ich verletzbar bin, dass ich mich in seine Lage versetze und seine Schuld teile, als wäre sie die meine. Wahre Liebe und Vergebung sind teuer – nicht in dem Sinn, dass der Schuldiggewordene sie aus dem, dem er Unrecht getan hat, herausquetschen müsste, sondern in dem Sinn, dass der, der enttäuscht und verletzt wurde, sich dem Schuldigen liebevoll zuwendet und seinen oder ihren Schmerz teilt.
Warum musste Jesus sterben? Weil wir Gott zuviel bedeuten, als dass er unsere Sünde und Schuld mit einem leichtfertigen „Macht nichts!“ abtäte. Weil Worte nicht ausreichten, war es notwendig, dass Gott handelte, um zu beweisen, dass seine Liebe und Vergebung echt sind. Weil Gott uns zur Seite stehen wollte in der Einsamkeit und Entfremdung, die wir über uns bringen, wenn wir uns von Gott und anderen Menschen trennen. Weil unsere Einsamkeit, Entfremdung und Schuld gerade dann überwunden werden, wenn Gott sich an unsere Seite stellt. Im Kreuz sagt Gott zu uns: „Ja, es ist wahr. Du hast mich verletzt und gekränkt. Aber ich liebe dich dennoch. Deshalb will ich deine Schuld samt ihren Konsequenzen zu meiner eigenen machen. Ich will mit dir, ja für dich leiden, damit unsere Beziehung wieder in Ordnung kommt.“ [19]

Literaturhinweise und Belegstellen:
[1] Shabbir Akhtar, A Faith For All Seasons, Chicago, Ivan R. Dee Publisher, 1990, S. 182
[2] Wir haben doch den Menschen geschaffen. Und wir wissen, was er sich selber an bösen Gedanken einflüstert, und sind ihm näher als (seine) Halsschlagader (Koran 50,16). Zum Thema „Nähe“ weise ich noch auf folgende Koranstellen hin:
Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich (ihnen) nahe und erhöre, wenn einer zu mir betet, sein Gebet. Sie sollen nun (auch ihrerseits) auf mich hören und an mich glauben. Vielleicht werden sie den rechten Weg einschlagen (2,186).
Sag: Wenn ich irregehe, tue ich das nur zu meinem eigenen Nachteil, und wenn ich mich rechtleiten lasse, auf Grund dessen, was mir mein Herr eingibt. Er hört (alles) und ist (den Menschen) nahe (34,50).
wobei wir ihm (d. h. dem Sterbenden) näher sind als ihr, aber ihr könnt (es ja) nicht sehen (56,85).
Er ist es, der Himmel und Erde in sechs Tagen geschaffen und sich daraufhin auf dem Thron zurechtgesetzt hat. Er weiß, was in die Erde eindringt und aus ihr herauskommt, und was vom Himmel herabkommt und dorthin aufsteigt. Er ist mit euch, wo ihr auch seid. Gott durchschaut wohl, was ihr tut (Sure 57,4).
[3] Akhtar, a. a. O., S. 129
[4] Ebenda, S. 180
[5] Kenneth Cragg, The Call of the Minaret, 2nd edition, New York, Orbis Books, 1992, S. 35
[6] Da hast du gesehen, dass dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid, bis ihr an diesen Ort kamt (5. Mose 1,31).
Als Israel jung war, hatte ich ihn lieb und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten; aber wenn man sie jetzt ruft, so wenden sie sich davon und opfern den Baalen und räuchern den Bildern. Ich lehrte Ephraim gehen und nahm ihn auf meine Arme; aber sie merkten’s nicht, wie ich ihnen half.Ich ließ sie ein menschliches Joch ziehen und in Seilen der Liebe gehen und half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen und gab ihnen Nahrung (Hosea 11,1-4).
[7] Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen (Jesaja 40,11).
[8] „Wenn sich ein Mann von seiner Frau scheidet und sie geht von ihm und gehört einem andern, darf er sie auch wieder annehmen? Ist’s nicht so, dass das Land unrein würde? Du aber hast mit vielen gehurt und solltest wieder zu mir kommen?“ spricht der HERR.
Geh hin und rufe diese Worte nach Norden und sprich: „Kehre zurück, du abtrünniges Israel“, spricht der HERR, „so will ich nicht zornig auf euch blicken. Denn ich bin gnädig“, spricht der HERR, „und will nicht ewiglich zürnen.“ „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder“, spricht der HERR, „denn ich bin euer Herr. Und ich will euch holen, einen aus einer Stadt und zwei aus einem Geschlecht, und will euch bringen nach Zion“ (Jeremia 3,1+12+14).
[9] Claus Westermann, Genesis 1-11, A Commentary, Minneapolis, Augsburg Publishing House, 1984, S. 407
[10] Walter Brueggemann, A Shape for Old Testament Theology, in: The Flowering of Old Testament Theology, hrsg. von Ollenburger, Martens, Hasel, Winoma Lake, Eisenbrauns, 1992, S. 418
[11] Abraham Heschel, The Prophets, New York, The Jewish Publication Society of America, 1962, S. 48 f.
[12] Terrence Fretheim, The Suffering of God, Philadelphia, Fortress Press, 1984, S. 120
[13] Ebenda, S. 116
[14] Fadlou Shehadi, Ghazali’s Unique Unknowable God, Leiden, E. J. Brill, 1964, S. 37. Die „arifin“ – wörtlich: „die Wissenden“ – wird von Mystikern im Sinne von „Gnostiker“ gebraucht.

[15] Ebenda, S. 21 f. Auf S. 48 stellt er auch fest: „So folgt Ghazalis uneingeschränkter Agnostizismus ganz logisch aus seiner unnachgiebigen Haltung im Blick auf die totale Andersartigkeit Gottes.“ [16] al-Faruqi, Christian Mission and Islamic Da’wah: Proceedings of the Chambésy Dialogue Consultation [abgehalten 1976 in Chambésy, Schweiz], (Leicester: The Islamic Foundation, 1982), S. 47 f.
[SIZE=-1]{Kommentar des Übersetzers: Al-Faruqis Ausdruck “hierophancy and immanence” wurde mit „Hierophantie und Immanenz“ übersetzt. Der Begriff hierophancy dürfte im englischen Sprachgebrauch auch nicht üblicher sein, als der der Hierophantie im deutschen. Wahrig’s Deutsches Wörterbuch gibt diese Definition: Hierophant Oberpriester, der bes. bei den eleusinischen Mysterien die heiligen Bräuche zu erklären hatte [zu griech. hieros „heilig“ + phainein „zeigen“].}[/SIZE]
[17] Akhtar, a. a. O., S. 180 f.
[18] Cragg, a. a. O., S. 36 f.
[19] Guthrie, Christian Doctrine, Revised Edition, Westminster/John Knox Press, 1994, S. 260